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07.10.2010 18:33 Alter: 2 yrs
Kategorie: Internet, Fachveranstaltungen

Winnetou ist nicht bei Facebook

Publikum Fachtagung

Jens Wiemken

Jens Wiemken

Kennen Sie Winnetou noch? Sicher. Kennen Ihre Kinder Winnetou noch? Eher nicht.

Waren früher Medien wie Bücher und später der Fernseher für Jugendliche ausschlaggebend, sind heute Computerspiele angesagt. Was es damit auf sich hat sollte die Fachtagung  "Spielbar? - Über Sinn und Unsinn von Computer- und Konsolenspielen?!" erläutern. Organisiert vom Landesjugendring-Projekt Jugendserver-Saar und der Stiftung Hospital St. Wendel bot der Diplom-Pädagoge Jens Wiemken am 7. Oktober vor 80 ZuhörerInnen einen vielfältigen Einblick in jugendliche Medienwelten. Einblicke, die laut Wiemken auch dringend nötig sind und die sich Eltern, Pädagogen oder Lehrer aneignen müssen, um mit (ihren) Kindern darüber sprechen zu können. Denn das, was für Jugendliche heute normal ist - Computerspiele, chatten, Soziale Netzwerke - und zu ihrem Aufwachsen dazu gehört, ist für Ältere ganz und gar nicht selbstverständlich und wird daher oft falsch wahrgenommen.
So sei die These von der Vereinsamung durch Computerspiele so nicht haltbar. Denn die Entscheidung dass ein Kind allein vor dem Computer sitzt, treffen meist die Eltern, die eben nichts mit dieser Form der Freizeitbeschäftigung anfangen können und sie nicht verstehen. Gemeinsames Fußballspielen oder Basteln ja, aber zusammen am PC sitzen und spielen nein. Das Wissen über das, was denn da real gespielt wird, ist daher auch oft gar nicht vorhanden, und wenn, hört man meistens Negatives über sogenannte "Killerspiele". Die Diskussion über ihr Verbot lebt nach jedem schrecklichen Amoklauf erneut auf. Die Argumentation ist so einfach wie falsch: 'Da Jugendliche gewalttätige oder Gewalt verherrlichende Spiele konsumieren, werden sie selbst zu Gewalttätern!' Eine simple Erklärung für eine unerklärliche Tat also, mit Verboten und strengeren Gesetzen könne so etwas verhindert werden, so die Kurzschluss-Thesen. Doch diese einfache Verquickung von Ursache und Wirkung ist für Wiemken eine reine Alibierklärung. Es gibt weltweit keine Studie die diese Zusammenhänge derart belegt. Vielmehr gibt es zahlreiche weiter äußere Faktoren wie Armut, Ernährung, das Fehlen alternativer Freizeitangbote, mangelnde Bildung, Gewalterfahrungen in der eigenen Familie oder das Konkurrenzklima in der Schule, die Täter formen und sie zur Tat schreiten lassen. Millionen Jugendliche und Erwachsene aufgrund ihres Spielkonsums zu kriminalisieren und abzustempeln, ist sicher nicht die richtige Herangehensweise an dieses Problem, so Wiemken.
Auch die zunehmenden Warnungen vor "Computerspielsucht" sieht der Pädagoge kritisch, denn bisher gebe es gar keine eindeutigen Definitionen wer computerspielsüchtig ist und wer nicht. Dass Jugendliche statt stundenlang Bücher zu lesen eben stundenlang Computer spielen, macht noch keine Sucht aus. Und die Schule wurde auch schon vor Erfindung von solchen Spiele geschwänzt, auch Hausaufgaben gehörten seit Jahrzehnten nicht unbedingt zur Lieblingsbeschäftigung der Heranwachsenden. Hier gilt es genauer hinzusehen und nicht vorschnell Süchtige zu erfinden.
Also einfach spielen lassen und alles wird gut? Das wäre der falsche Weg, denn Kinder brauchen und wollen Begleitung und Auseinandersetzung. Auch gibt es viele Spiele, die nicht für Heranwachsende geeignet und vorgesehen sind. Eine Herangehensweise mit erhobenem Zeigefinger und ohne Plan sei aber nicht sehr hilfreich. Wer wirklich wissen will, wie Jugendliche ticken kommt nicht darum herum, selbst in die Computerspielewelt einzutauchen, um mit- statt gegeneinander zu reden. Denn Computerspiele sind nicht schlechter oder besser als Bücher, Radio oder Fernseher. Sie sind nur unbekannter und anders. Und dieser Herausforderung müssen sich Erwachsene stellen.
Einen ersten Schritt dazu konnten die TeilnehmerInnen der Fachtagung im Stiftung Hospital auch gleich in die Tat umsetzen. Nach dem Vortrag am Vormittag stand noch ausreichend Zeit zur Verfügung, mitgebrachte Computer- und Konsolenspiele selbst auszuprobieren.
 

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