Net nommo

Net nommo (heißt auf hochdeutsch: nicht noch einmal) und meint das auch. Hier bekommt ihr Infos über Rechtsextremismus und Hinweise, was man alles (mit anderen) tun kann, um sich gegen Nazis und für Demokratie und Courage einzusetzen.

Definitionen der wichtigsten Begriffe

Zum Besseren Verständnis werden hier die wichtigsten Begriffe erklärt. Von Faschismus bis Neonazismus findet ihr die genauen Definitionen.

Nationalsozialismus

Der Nationalsozialismus ist eine radikale Weltanschauung, die antikommunistisch, antidemokratisch und antisemitisch (judenfeindlich) ist. Die politische Bewegung entstand nach dem ersten Weltkrieg in Deutschland und war in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei NSDAP mit deren Anführer Adolf Hitler organisiert.

Sozialismus ist eigentlich ein "linker" Gedanke, bei dem es um die Errichtung einer sozialen Gemeinschaft geht. Die Nazis formten diese Idee um und passten sie ihrer Ideologie an. Der Nationalsozialismus enthält auch rassistische und totalitäre Elemente.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Nationalsozialismus

Nazismus

Nazismus ist ein anderes Wort für Nationalsozialismus, eine Art Abkürzung (Nationalsozialismus, ausgesprochen Nazionalsozialismus, dann Nazismus). Es ist eine Übersetzung des englischen "nazism". Verwendet wurde es vor allem von "realsozialistischen", kommunistischen Systemen wie der DDR, um den für den eigenen Staat verwendeten Begriff "Sozialismus" nicht im Zusammenhang mit dem Feind verwenden zu müssen. Die Anhänger des Nationalsozialismus werden ohnehin als "Nazis" bezeichnet. Nazismus darf nicht mit Narzissmus verwechselt werden, welcher eine übersteigerte Selbstverliebtheit meint.

Quellen: http://de.wikipedia.org/wiki/Nazismus

Neonazismus

Die Anhänger des Neonazismus heißen Neonazis. Das sind Personen, die die nationalsozialistischen Ideologien vertreten, aber das NS-Regime nicht persönlich erlebt haben, also nicht unter Hitler aufwuchsen. Neonazis entstanden etwa in den 70er Jahren. Bis dahin wurde die rechtsextreme Szene in Deutschland von "Altnazis" beherrscht, Nazis, die schon im Dritten Reich Anhänger der NSDAP gewesen waren. Dann übernahmen die Jüngeren, die sich das Gedankengut der Altnazis angeeignet hatten, die Führung. Neonazis waren bzw. sind meistens auch deutlich gewaltbereiter als die Altnazis das waren.

Die Inhalte der Neonazis entsprechen größtenteils dem Nationalsozialismus. Stärker betont wird die Ablehnung von Minderheiten wie Juden und Ausländer und gesellschaftlichen Randgruppen (z.B. Behinderte, Homosexuelle). Dazu kommt die starke Feindschaft zu politisch Andersdenkenden, wie Kommunisten und Sozialdemokraten.

Viele Neonazis leugnen die Verbrechen des Nationalsozialismus oder verharmlosen sie zumindest, allem voran die Schoah bzw. den Holocaust, die Ermordung von etwa 6 Millionen Juden in Konzentrationslagern. Begriffe wie "Auschwitzlüge" (die Opferzahlen des Konzentrationslagers Auschwitz seien vollkommen unrealistisch, und überhaupt habe es gar keine Massenvernichtungen gegeben) oder "Holohoax" (eine Mischung aus Holocaust und Hoax, einer Internetfalschmeldung) werden immer wieder genannt, wenn es darum geht, das NS-Regime so darzustellen, wie es nicht war: Gut für Deutschland, gut für alle, und natürlich vollkommen friedlich.

Andere Neonazis leugnen nicht die Tatsache, dass in den KZ Menschen starben, zweifeln aber die tatsächlichen Opferzahlen an oder behaupten, dass die Schoah gar nicht so einmalig gewesen sein, beispielsweise wird vom "Bombenholocaust" gesprochen, wenn von den Bombardements deutscher Städte durch die Alliierten geredet wird.

Quellen:

http://www.niedersachsen.de/master/C10357785_L20_D0_I541_h1.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Neonazismus

Rassismus

Rassismus geht davon aus, dass die Menschen in verschiedene "Rassen" einzuteilen sind, so wie es zum Beispiel auch verschiedene Hunderassen gibt. Den verschiedenen Rassen werden verschiedene Charaktereigenschaften zugeschrieben: emperamentvoll, hinterlistig, stolz, feige usw.

Beim Rassismus werden keine Unterschiede gemacht, alle Angehörigen einer Rasse sind angeblich gleich, also zum Beispiel wären alle blonden Menschen gutherzig, alle Schwarzen dumm, alle Osteuropäer feige, alle Asiaten hinterlistig….

Nach dieser Ansicht sind einige Rassen besser als andere, was zu der Meinung führt, die "gute" Rasse müsse bewahrt und "rein" gehalten werden, während die anderen Rassen entweder unterdrückt und als Sklaven gehalten oder gleich ermordet werden. Vor allem im Nationalsozialismus wurde diese Lehre weit verbreitet: Blonde, blauäugige Menschen waren Arier, die "Herrenrasse", und dazu bestimmt, über alle anderen zu herrschen. Andere wie Juden sollten vernichtet werden. Schon hier zeigt sich, wie unlogisch das System ist. Religionsangehörigkeit hat nichts mit anderen Eigenschaften wie Größe, Hautfarbe, Augenfarbe und Temperament zu tun.

Rassismus verursacht Reaktionen von Diskriminierungen über Rassentrennung (wie im südafrikanischen Apartheid-System), Sklaverei bis hin zu "ethnischen Säuberungen" (Vertreibung einer bestimmten Volksgruppe aus einem Gebiet, dass die Vertreibenden für sich beanspruchen - dies geht meistens auch mit zahlreichen Morden einher) und Völkermord wie die Schoah.

Welches die "beste" Rasse sein soll, liegt ebenfalls im Auge des Betrachters. Für die Nazis war der blonde, blauäugige Deutsche der perfekte Mensch. Im Bosnienkrieg waren für die Serben die bosnischen Muslime diejenigen, die man loswerden wollte. Im Sudan wurden ab 2003 während des Darfur-Konflikts einige Schwarzafrikanische Stämme zum Ziel der Täter.

Quellen:

Ethnische Säuberung
http://de.wikipedia.org/wiki/Rassismus

Rassismus

"Rechts"

Ansichten, die Naziideologie oder Faschismus beinhalten, werden oft als "Rechts" bezeichnet. Die Unterteilung von Politik in "links" und "rechts" stammt ursprünglich aus der Zeit der französischen Revolution. In der französischen Nationalversammlung saßen die Republikaner, die Revolutionäre, welche die Monarchie abschaffen und eine Republik einrichten wollten, links im Parlament; rechts saßen die konservativen Royalisten, die die Monarchie beibehalten wollten. Mit der Zeit wurde diese Sitzordnung auch in anderen Parlamenten übernommen, wie im deutschen Paulskirchen-Parlament von 1848. Und mit der Zeit begann man, von "links" zu reden, wenn man die Republikaner meinte, und "rechts", wenn man von den Konservativen sprach.

Die Gegensätze, die die Ansichten der beiden politischen Gruppierungen auszeichneten, wurden immer weiter verstärkt, und auch genauer definiert.

Die Republikaner gingen von einer Gleichheit, die im Volk herrschen sollte, aus. Zuerst bezog sich das auf die Arbeiterklasse, die die gleichen Rechte haben sollten wie die Adligen, später wurde das ausgeweitet auf alle gesellschaftlichen Gruppen wie Frauen, Homosexuelle, Ausländer, ethnische Minderheiten… Je weiter "Gleichheit" gefasst wurde, desto eher wurde sie auch mit "Freiheit" gleichgesetzt.

Die "Rechten" hingegen hielten eine gewisse Ungleichheit für natürlich, wie sonst könnte man den König vom restlichen Volk abgrenzen? Nach gewissen Kriterien wurde festgelegt, was die Unterschiede begründete, seien es Begabung, Herkunft, oder Intelligenz. Die Gleichheitsgedanke der Linken wurde als "Gleichmacherei" betrachtet, die der Tatsache nicht Rechnung trüge, dass Menschen nun mal unterschiedlich seien und außerdem die persönliche Freiheit einschränken würde, wenn alle gleich behandelt würden und nicht gemäß ihrer (bitte auswählen) Begabung, Herkunft, Rolle, Fähigkeiten etc – auch hier wurde Gleichheit also mit Freiheit gleichgesetzt, allerdings im umgekehrten Sinn. Diese Ansätze wurden noch weiter entwickelt.

Die Linken sahen es als ihre Aufgabe, gesellschaftlichen Fortschritt zu schaffen, waren also progressiv. Sie wollten das überall auf der Welt: international. 

Die Rechten wollten das Bestehende bewahren, waren also konservativ und wollten zudem die nationale Identität stärker betont sehen – Nationalismus entstand.

Auch die Regierungsform war (zumindest ursprünglich) stark unterschiedlich: Die Linke favorisierte eine freie, libertäre Regierungsform, die Rechte eher eine autoritäre, am besten einen König, ein "starker Mann an der Spitze des Staates", der die Geschicke des Landes lenken sollte.

Quellen:

Politische_Rechte_
Politisches_Spektrum

Extremismus und Radikalismus

Extremismus kommt von den lateinischen Wort extremus, was mit "das Äußerste" übersetzt werden kann: Betrachtet man die politischen Lager als Halbkreis, wie zum Beispiel auch unser Parlament geformt ist, dann sitzen die Extremisten "ganz außen" - am äußersten Rand, während die gemäßigten Parteien (die zum Beispiel auch eher Kompromisse mit der anderen Seite schließen) in der Mitte sitzen.
Radikalismus meint nicht zwingend eine politische Richtung, weshalb heute auch fast nur noch "Extremismus" verwendet wird. Radikalismus kommt vom lateinischen "radix", Wurzel, und beschreibt die Haltung, dass Probleme möglichst "an der Wurzel" angepackt werden sollen. Radikal ist demnach eher ein Wort, das ein Verhalten beschreibt (z.B.: "radikale Maßnahme") als eine politische Haltung.

Quellen:

Extremismus
Radikalismus

Rechtsextremismus

Rechtsextremismus bezeichnet eine große Menge von politischen Strömungen, die faschistisch, (neo-)nazistisch oder ultranationalistisch sind. Sie alle konzentrieren sich auf die ethnische (kulturelle) Zugehörigkeit, wobei die eigene Ethnie stets deutlich höher bewertet wird als alle anderen. Die Gleichheit der Menschen wird angezweifelt, Pluralismus kritisiert (es soll nur das "eine Volk" geben). Demokratie, von Natur aus pluralistisch, wird abgelehnt, stattdessen wird ein autoritärer Nationalstaat befürwortet.

Quellen:

Rechtsextremismus

Rechtsextremismus

Faschismus

Der Begriff Faschismus wurde zuerst in Italien unter Mussolini verwendet und dann auf andere, ähnliche politische Systeme ausgeweitet. Faschismus umfasst verschiedene historische und ideologisch-politische Richtungen wie auch den deutschen Nationalsozialismus. Faschistische Strömungen oder Systeme sind meist rechts, aber nicht zwangsläufig. Es handelt sich um Ideen mit national- oder sozialrevolutionären Inhalt, die meistens totalitär umgesetzt werden sollen, also nicht nur mit Gewalt, sondern so, dass es sich auf alle Lebensbereiche, eben total, auswirkt – nicht nur die Politik, sondern auch die Arbeitswelt, die Wirtschaft, das kulturelle Leben soll umfasst werden.

Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Faschismus
Faschismus

Ideologie

"Ideologie" hat ganz verschiedene Bedeutungen, hier geht es nur um politische Ideologie oder Ideologismus.

In dem Fall ist es eine Art Theorie, die eine komplette Weltanschauung beinhaltet, die Welt aber nicht nur erklären, sondern auch beeinflussen will.

Im Alltag wird Ideologie oft abwertend benutzt, um auszudrücken, dass eine Meinung voreingenommen oder nicht objektiv sei.

Ideologien berufen sich oft auf Theoretiker, die aber meistens wenig bis gar nichts von dieser Ideologie halten bzw. die Ideologie nicht dem entspricht, was der Theoretiker meinte. Die Ideologien sollen dazu dienen, die Bevölkerungsgruppe, an die sie sich richtet, zu vereinen. Wichtige bzw. bekannte politische Ideologien wären der Kommunismus, der Konservatismus, der Liberalismus oder der Nationalsozialismus.

Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Ideologie
http://de.wikipedia.org/wiki/Politische_Ideologie
Ideologie

KZ Natzweiler-Struthof

Das KZ Struthof wurde am 21. April 1941 von den Nazis errichtet. Es hatte etwa 70 Nebenlager auf beiden Seiten des Rheins. Von den 52.000 Deportierten des KZ Struthof waren etwa 35.000 nur in den Nebenlagern und nie im Hauptlager selbst. Angelegt war es für ca. 1500 Häftlinge, im September 1944 waren es allerdings zwischen 7000 und 8000 KZ-Insassen. Am 23. November 1944 entdeckten die Alliierten das Lager und befreiten es.

Das KZ liegt auf dem Berg Mont-Louise in den Vogesen und war seit Beginn des 20. Jahrhunderts ein beliebtes Ziel bei Touristen zum Wandern und Skifahren. Da es auf etwa 840 Höhenmeter liegt, wehte dort gerade im Winter ein eisiger Wind und es lag viel Schnee. Im Sommer gab es dort kaum Schatten, sodass es brütend heiß war. Das Lager wurde als Arbeitslager errichtet, denn ganz in der Nähe verlief eine Ader rosa Granit, deren Abbau für die "Deutschen Erd- und Steinwerke", eine Tarnorganisation der SS, interessant war.

Die ersten Deportierten trafen am 21. und 23. Mai 1941 ein und begannen mit dem Bau der Baracken des KZ. Meistens hatten die Deportierten einen politischen Hintergrund, wie auch die "Nacht-und-Nebel-Deportierten" oder andere waren Juden, Sinti und Roma oder Homosexuelle. Die "Nacht-und-Nebel-Deportierten", auch NN-Häftlinge genannt, waren eine spezielle Gruppe von Häftlingen. Sie waren Personen, die nicht ins politische System des Faschismus passten oder dem Widerstand verdächtigt wurden und deshalb ruhig gestellt werden mussten. In Nacht-und-Nebel-Aktionen verschwanden sie einfach spurlos. Ihren Angehörigen gab man keinerlei Auskunft über ihr Verschwinden. Das Ziel war es, die NN-Häftlinge und auch alle anderen durch schwere Arbeit (Straßen-, Lager- und Wasserleitungsbau, Arbeit im Steinbruch) und miserable Haftbedingungen zu "vernichten"; man brachte sie also nicht sofort um, sondern nutzte sie bis zu ihrem Tod aus - frei nach dem Leitsatz "Vernichtung durch Arbeit". Eine weitere Gruppe waren die so genannten "Berufsverbrecher". Sie waren Kriminelle, die verhaftet wurden und dann ins KZ Struthof kamen. Da man davon ausging, dass sie eine gewisse Härte und Strenge besaßen, wurden sie dazu eingesetzt, die anderen Häftlinge zu beaufsichtigen und diese so zu diskriminieren.

Die Brutalität, die in dem KZ herrschte, wurde den meisten Häftlingen schon klar, als ihnen bei der Ankunft die "Belehrung für Neuzugänge" vorgelesen wurde. Darin wurden sie als Verbrecher dargestellt und es war genauestens definiert, was ein Konzentrationslager ist - nämlich ein Arbeitslager. Die KZ-Insassen unterstanden den Befehlen und Anweisungen der Waffen-SS. Wer ihnen nicht sofort oder genauestens Folge leistete, sich schlecht benahm oder schlechte Arbeit leistete, wurde dafür bestraft.

Es gab die Verwarnung, die leichte Strafe (Sonntagsarbeit, Essensentzug, Torstehen) und die schwere Strafe (Pfahlbinden, verschärfter Arrest, Stockhiebe). Bei weiterer schlechter Führung erfolgte die Verlegung in den Strafblock, wo sich die Haft durch Strafen für schlechte Führung etc. um Wochen, Monate oder sogar ein Jahr verlängern konnte.

Das Lager war von einem doppelten Stacheldrahtzaum, der unter hoher elektrischer Spannung stand, umgeben. Zwischen den Zäunen war eine schmale Gasse, die die SS für Patrouillengänge nutze. Zwischen dem inneren Zaun und dem Weg im Lager gab es einen schmalen Grasstreifen, die "neutrale Zone". Das Betreten dieser Zone war strengstens untersagt. Die Posten auf den Wachtürmen hatte die Anweisung direkt auf jeden Häftling, der die Zone betrat, zu schießen. Einige Aufseher machten sich einen Spaß daraus, den Häftlingen ihre Mütze abzunehmen und sie in die neutrale Zone zu werfen. Nun standen sie vor der Entscheidung: Holten sie ihre Mütze, mit dem Risiko beim Betreten der neutralen Zone erschossen zu werden, oder ließen sie die Mütze liegen und wurden wegen Ungehorsam bestraft, da das Tragen der Mütze Pflicht war?

Der Lageralltag lief immer gleich ab: Im Sommer hieß es um 4.00 Uhr aufstehen, im Winter um 6.00 Uhr. Dann mussten sich die Häftlinge mit eiskaltem Wasser waschen, danach bekamen sie zum Frühstück einen halben Liter Kaffee-Ersatz oder Tee oder eine dünne Suppe. Daraufhin folgte der Morgenappell. Dazu mussten sich alle Häftlinge, auch die Kranken und Sterbenden, vor ihren Baracken versammeln und in Reihen aufstellen, mit Blickrichtung den Berg hoch. Oben stand der Lagerführer und nahm den Appell ab. Wie lange der Appell dauerte war unterschiedlich. Manchmal eine Stunde, manchmal mehrere Stunden, aber die Häftlinge mussten bei jedem Wetter im Stillstand ausharren, bis der Appell zu Ende war. Danach ging es zur Arbeitsstelle, wo sie unter fürchterlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten bis zum Mittag. Dann gab einen dreiviertel Liter Suppe in einer kurzen Pause. Immerzu standen die Häftlinge unter Beobachtung der SS, die reichlich Schläge verteilte oder die Hunde auf die Arbeitenden losließ, wenn es ihnen nicht schnell genug ging. Die Häftlinge arbeiteten bis zum späten Abend, dann ging es zurück ins Lager, wo sie sich zum Abendappell aufstellten. Dieser lief unter denselben Bedingungen ab wie der am Morgen. Zum Abendessen gab es einen halben Liter Ersatz-Kaffee oder Tee, 200 Gramm Brot und einen Würfel Margarine.

Auf Grund der harten Arbeit und der unzureichenden Ernährung waren die Häftlinge natürlich extrem anfällig für Infektionskrankheiten. Im KZ Struthof gab es zwar eine Krankenstation, doch Zeugenberichten zufolge wurde den Häftlingen dort nicht geholfen, angeblich, weil ihnen keine Medikamente zur Verfügung standen und so starben die meisten. Ihre Leichen wurden im Krematorium verbrannt. Den Verbrennungsofen sah man direkt, wenn man das Krematorium betrat. Über dem Ofen war ein Warmwasseraufbereitungsbehälter, in dem das Wasser für die Duschen der SS-Männer gewärmt wurde, angebracht. Hinter dem Ofen gab es vier Haken, wo einige Häftlinge gehängt und anschließend verbrannt wurden.

Als im September 1944 die Alliierten immer näher kamen, wurden hunderte Widerstandskämpfer aus den Tälern rund um den Mont-Louise nach Struthof gebracht, hingerichtet und verbrannt. Da das Hängen allerdings zu lange dauerte, wurden einige Widerstandskämpfer durch einen Genickschuss getötet und dann verbrannt. Andere wurden direkt in den Ofen gestoßen. Zeugenberichten zufolge schlugen die Flammen an diesen Tagen meterhoch aus dem Schornstein und es roch überall nach verbranntem Fleisch.

Im Gebäude des Krematoriums befanden sich noch weitere Räume. Es gab einen Raum, in dem Tonurnen gelagert wurden. Mit der Asche der Leichen macht die SS Geschäfte. Sie füllte sie in die Urnen und verkaufte sie den Angehörigen der Toten als die Asche ihres Verstorbenen. Das ist insofern absurd, als dass man oftmals mehrere Leichen gleichzeitig verbrannte und gar nicht wusste, wer gerade verbannt wurde. Außerdem verschleierte man den Angehörigen die wahre Todesursache und gab an, diese seien z.B. an einer Krankheit gestorben. Und damit sich diese nicht weiter verbreite, musste der Leichnam eingeäschert werden.

Im selben Gebäude befanden sich außerdem noch ein Raum mit einem Seziertisch sowie das Büro des Professor Hirt. Dieser war Professor am medizinischen Institut der Universität in Straßburg und führte an den KZ-Insassen medizinische Versuche mit dem Kampfstoff Senfgas durch. 1943 erhielt Hirt aus Auschwitz 87 Jüdinnen und Juden, die er zu medizinischen Forschungszwecken missbrauchte und sie Sterilisationsversuchen aussetzte. Danach wurden diese im August 1943 in der nahe gelegenen Gaskammer getötet. Ihre Leichen wurden nach Straßburg ins Institut für Anatomie gebracht, wo auch nach dem Krieg und sogar noch im Jahr 2006 mehrere Leichenteile gefunden wurden. Heute ist das ehemalige Lager eine Gedenkstätte. Jedes Jahr treffen sich die Überlebenden des Lagers um ihrer ermordeten Kameraden zu Gedenken. Angegliedert an die Gedenkstätte ist das Europäische Zentrum des deportierten Widerstandskämpfer (Centre Européen du Résistant Déporté). Es wurde am 3. November 2005 von Jacques Chirac eingeweiht und zeigt die Geschichte des Widerstands, der sich in ganz Europa gegen die Vormacht der Nazis bildete und die gnadenlose Organisation der Unterdrückung dieses Widerstandes.

Kathrin Meuler

Alternative Stadtführung durch Saarbrücken - Unsere Landeshauptstadt in den Jahren 1935-1945

Eine alternative Stadtführung durch Saarbrücken. Wir besuchen dabei Orte, an denen in den Jahren zwischen 1935 und 1945 Geschichte gemacht wurde. Denn auch hier im Saarland hat die nationalsozialistische Herrschaft ihre Spuren hinterlassen.

Mein Rundgang beginnt am Staatstheater. Früher trug es den Namen "Gautheater Saar-Pfalz". Hitler hatte es den Saarländerinnen und Saarländern 1935 geschenkt - zur "Erinnerung an den einzigartigen Abstimmungssieg am 13. Januar 1935". Das "Theater des Führers" sollte ein "Bollwerk deutscher Kultur in der westlichen Grenzmark" sein. Dies erzählte Goebbels damals der Bevölkerung. Zur Eröffnung erschien Adolf Hitler höchstpersönlich. Heute ist der Theatervorplatz nach der georgischen Stadt Tbilisi, die Partnerstadt Saarbrückens, benannt.

Nur einen Katzensprung entfernt befindet sich das Saarbrücker Schloss. Bereits 1935 hatte sich dort die Gestapo im linken Flügel  einquartiert. Der Keller, heute ein Museum, bot 1935 und 1937 Platz für Häftlinge - die Gestapo-Gefängnisse am Lerchesflur und in St.  Arnual waren hoffnungslos überfüllt. Es wurden keine Unterschiede gemacht: Ob politische Gegner, Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas oder Angehörige anderer Minderheiten - für viele begann hier der Weg durch Zuchthäuser und KZs - auch zum Schafott. Beim zweiten großen Prozess gegen saarländische Antifaschisten tagte der Volksgerichtshof in Saarbrücken.

Während des Krieges saßen vor allem ausländische Häftlinge im Kellergewölbe des Schlosses. Die Verhörzelle der Gestapo ist noch heute vorhanden. An den Wänden sind kyrillische Inschriften zu sehen. "Hier war am 20. Mai wegen Flucht Lukaschuk Boris", lautet die Inschrift eines sowjetischen Kriegsgefangenen. Die schwere Holztür mit ebenfalls zahlreichen Inschriften ist unter noch ungeklärten Umständen spurlos verschwunden.

Der Schlossplatz war ebenfalls ein Ort der Gräueltaten der Nazis: Am 22. Oktober 1940 - eine Woche nach der Aufführung des antijüdischen Propagandafilms "Jud Süss" - diente er als Sammelplatz für die Deportation von 134 saarländischen Juden nach Südfrankreich in das Lager Gurs. Organisiert hatte diesen Transport Adolf Eichmann. Er wurde später in Israel hingerichtet.

Viele der Juden, die man nach Frankreich abgeschoben hatte, kamen später in das Vernichtungslager Auschwitz, wo etwa die Hälfte der aus dem Saarland deportierten Juden umkam. Der Platz trägt heute den Namen: "Platz des unsichtbaren Mahnmals". Unter dem dunklen Kopfsteinpflaster des Mittelstreifens befinden sich die Ortsnamen aller jüdischen Friedhöfe, die bis 1933 auf deutschem Boden bestanden, eingemeißelt in 2146 Steine und mit der beschrifteten Seite nach unten gelegt.
 
Nachdem ich eine Weile in die falsche Richtung gelaufen bin, finde ich schließlich doch noch das Landesgerichtsgebäude, in dem sich zwischen 1920 und 1935 die Regierungskommission des Völkerbundes befand. Nach dem Ersten Weltkrieg musste Deutschland einen Teil seiner Gebiete abtreten - darunter auch das Saarland, das dem Völkerbund unterstellt wurde.

Nachdem ich eine Ewigkeit gebraucht habe, um zu Fuß einen Kreisel zu umrunden, nur um danach festzustellen, dass ich einen riesen Umweg gegangen bin, finde ich schließlich das Haus an der Ecke Bismarckstraße/Karlstraße, das laut meinem Stadtführer von 1934-36 eine jüdische Volksschule gewesen sein muss. Heute befindet sich darin eine Kindertagesstätte.

...ungefähr eine Million Schritte später stehe ich endlich vor dem Schild der Straße des 13. Januar - der Tag, an dem mehr als 90% der saarländischen Bevölkerung für einen Anschluss an Hitlerdeutschland stimmten. Sie waren der Parole der bürgerlichen und rechtsgerichteten Parteien gefolgt: "Nix wie hemm".

Als es auf den Tag der Saarabstimmung im Jahr 1935 zuging, bildeten sich zwei Gruppen, die für verschiedene Ziele kämpften: Die Einheitsfront, mit Max Braun und anderen Funktionären von SPD und KPD, startete eine Kampagne für den Erhalt des Status Quo. Das Saarland sollte ein eigenständiger Staat werden und weiter unter der Kontrolle des Völkerbundes stehen. Die Deutsche Front, die sich 1933 aus den bürgerlichen und rechtsgerichteten Parteien bildete, plädierte jedoch für einen Wiederanschluss des Saarlandes an Hitlerdeutschland. Sie schaffte es, die Bevölkerung von ihrer Sache zu überzeugen.

Gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite ist ein großes Polizeigelände. Das Gebäude der Polizeihochschule, die frühere Ulanenkaserne. Sie war zwischen 1933 und 1935 vom Völkerbund als Unterkunft für ca. 5000 politische Flüchtlinge aus Hitlerdeutschland eingerichtet worden. Schutz und Betreuung boten den Emigranten SPD und KPD. Da sie von den Behörden unerwünscht waren, hatten ihnen zunächst Arbeiterfamilien Schlafstellen zur Verfügung gestellt

In den letzten Kriegstagen erhielt das Gebäude eine komplett andere Funktion: Im Polizeibunker wurde ein "Standgericht", das noch zahlreiche Todesurteile verhängte, eingerichtet. Grund bot dafür schon das Organisieren von zwei Marmeladengläsern oder ein paar warmen Decken.
 
Als nächstes machte ich mich auf die Suche nach dem Alten Friedhof St. Johann. Neben den Gräberfeldern für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter befindet sich hier auch die Grab- und Gedenkstätte für Willi Graf. Der Widerstandskämpfer der Weißen Rose, geboren in der Eifel, verbrachte seine Jugend in Saarbrücken.
 
Ganz in der Nähe ist eine kleine Nebenstraße nach dem Mitbegründer der Einheitsfront und Vorsitzenden der SPD-Saar (1928-1935) Max Braun benannt. Auch aus dem Exil - zunächst in Frankreich, später in England - trat er weiter für die enge Zusammenarbeit von Sozialdemokraten, Kommunisten und linksliberalen Schriftstellern gegen Hitler ein.

Im Stadion am Kieselhumes, meiner nächsten Station, fand am 6. Januar 1935 die letzte große antifaschistische Kundgebung statt. Vor mehreren zehntausend Saarländern trug Max Braun die Idee eines freien Saarstaates unter Kontrolle des Völkerbundes vor. Fritz Pfordt, Sprecher der KPD, bezeichnete die Deutsche Front und deren wichtigsten Vertreter, den Industriellen Hermann Röchling, als Handlanger Hitlers.
 
Nachdem ich einen Friseursalon, der ebenfalls die Hausnummer 12 trug, für das ehemalige evangelische Gemeindehaus "Wartburg" gehalten habe, stehe ich schließlich doch vor dem richtigen Haus, der heutigen Martin-Luther-Straße 12, wo der schwedische Präsident der Abstimmungskommission am 15. Januar 1935 das Ergebnis der Abstimmung über den Status Quo bekannt gab. Die "Wartburg" wurde noch am selben Tag zur "nationalen Erinnerungsstätte". Eine Gedenktafel erinnert noch heute an diesen Tag - ich habe sie aber nicht gefunden. An die zahlreichen Emigranten, die sich im Saarland aufhielten und für die nun eine neue Etappe auf der Flucht vor der Nazibarbarei begann und die Vertreter der Arbeiterparteien, die zum Teil noch in der selben Nacht das Saarland verlassen mussten, erinnert jedoch an diesen Stellen nichts.
 
An der Ecke Kaiserstraße/Futterstraße stehe ich mindestens fünf Minuten und sehe mir die Auslagen im Schuhgeschäft an. Ich starre in der Weltgeschichte herum, bis ich genau vor meiner Nase und absolut nicht zu übersehen dann schließlich - an einer Säule genau auf Augenhöhe angebracht - eine Gedenktafel entdecke: "An dieser Stelle stand die Saarbrücker Synagoge. Sie wurde errichtet in den Jahren 1888 bis 1890. In der Nacht vom 9. zum 10. November wurde sie von den Nationalsozialisten ausgeplündert und zerstört." Darüber ist ein Bild zu sehen, wie das Gotteshaus einst ausgesehen haben muss. Jemand hat etwas auf die Tafel, das wohl ein Graffiti darstellen soll, gekritzelt. Jedenfalls wurde davon im Geschichtsunterricht nie gesprochen: Dass es auch in Saarbrücken Opfer der Reichspogromnacht gab.
 
Wenigstens befinde ich mich jetzt an einer Stelle, von der aus ich auch ohne Stadtplan wieder nach Hause finden würde. Das beruhigt. Zeit für eine Pause. Ich setze mich in einem Kaufhaus auf eine superedle Ledercouch und packe mein Salamibrot aus. Zum Glück sieht mich keine Verkäuferin.

Auf dem Weg zum Rathaus gehe ich (mehr oder weniger) am "Restaurant Zum Stiefel" am St. Johanner Markt vorbei, eines der wichtigsten Veranstaltungslokale der Einheitsfront. Freigekommene KZ-Häftlinge berichteten hier über den Terror im braunen Deutschland, es fanden Film- und Vortragsabende statt und vieles mehr.

Im Treppenhaus des Rathauses finde ich schließlich relativ problemlos die Büste der Johanna Kirchner - ein Abdruck des Originals aus ihrer Geburtsstadt Frankfurt am Main. Die Sozialdemokratin musste ihre Heimatstadt bereits 1933 verlassen. In Saarbrücken arbeitete sie dann eng mit Max Braun zusammen bis sie 1935 auch das Saargebiet verlassen musste. Von Forbach aus engagierte sie sich jedoch weiter, half anderen Emigranten und organisierte den Transport antifaschistischer Schriften nach Deutschland. 4 Jahre später wurde sie jedoch von der französischen Regierung verhaftet. Sie wurde 1942 an die Gestapo ausgeliefert. 1944 wurde sie vom "Volksgerichtshof" in Berlin wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zum Tode verurteilt und am 9. Juni in Plötzensee hingerichtet.
 
Als letzte Station auf meiner Liste hake ich schließlich noch die Neikesstraße ab. Der Saarbrücker Bürgermeister (1921 bis 1935) war entschiedener Gegner der Status-Quo-Bewegung und verlieh Adolf Hitler am 1. Mai 1934 die Ehrenbürgerwürde der Stadt Saabrücken. Doch Dr. Hans Neikes Werben um die Nationalsozialisten machte sich nicht bezahlt. 1935 musste er aus seinem Amt scheiden.
 
Und doch habe ich immer noch nicht alle Stationen des "Alternativen Stadtführers Saarbrücken" abgeklappert. Es fehlen noch das ehemalige Gestapo-Lager "Neue Bremm", die Justizvollzugsanstalt Lerchesflur, wo unter anderem auch Johanna Kirchner inhaftiert war, die Bellevue und der Hauptfriedhof, wo sich nach 1935 ein Schmuggelpfad für illegales Material von den Grenzstellen der KPD und SPD in Forbach befand. Auch fehl mir noch die Von-der-Heydt-Grube, 1933-1935 Emigrantenunterkunft, dann Kinderheim der internationalen Arbeiterhilfe, im Krieg schließlich Zwangsarbeiterlager. Außerdem sind zwei weitere Straßen nach kommunistischen Widerstandskämpfern benannt: Jacob Welter und Josef Wagner.

n der Brauerstraße 6-8 befand sich bis 1935 das Vorstandsbüro der SPD und des ADGB/Saar sowie die Druckerei der "Volksstimme", deren Chefredakteur Max Braun war. Das Parteibüro der KPD befand sich nahe "Auf der Werth", früher Herbertstraße 8, ebenso die Geschäftsstelle der "Roten Hilfe" und die Druckerei der "Arbeiterzeitung". Das Erbgesundheitsgericht tat seine grausame Arbeit in der Groherzog-Friedrich-Straße. Ärzte dienten als Beisitzer - ihre Aufgabe war es nicht Leben zu retten, sondern Zwangssterilisationen zu veranlassen und "lebensunwerte" Menschen von den "lebenswerten" zu unterscheiden. Ganz nach den Nützlichkeitserwägungen der nationalsozialistischen Ideologie.

Willi Graf

Willi Graf war einer der bekanntesten Widerstandskämpfer des 3. Reiches. Als Mitglied der "Weißen Rose" wurde er wegen einer Flugblattaktion an der Münchener Universität mit seinen Freunden Hans und Sophie Scholl und Christoph Probst zum Tode verurteilt. Nach 60 Jahren wurde Willi Graf, der während seiner Jugend in der saarländischen Hauptstadt gelebt hat, zum Ehrenbürger der Stadt Saarbrücken ernannt - eine späte Anerkennung.

Seine Jugend in Saarbrücken

Willi Graf wird 1918 als Sohn eines Weinhändlers in Kuchenheim bei Euskirchen geboren. Bereits 1922 zieht die Familie, die in guten Verhältnissen lebt, nach Saarbrücken. Willi und seine beiden Schwestern Mathilde und Anneliese werden im katholischen Glauben, der in Willi Grafs kurzem Leben eine wichtige Rolle spielen wird, erzogen.

Ende der 20er, als er 10 Jahre alt ist, schließt sich Willi Graf, der das Saarbrücker Ludwigsgymnasium besucht, der Wandervogelbewegung an. In ihr stellt die deutsche Jugend Anspruch auf eine eigene Lebens- und Ausdrucksform. Es herrschte Aufbruchstimmung. Vor allem von Bürgermoral, Konventionalität und Rationalität grenzen sich die Mitglieder ab. Wie sehr Willi Graf alles "gut-bürgerliche" ablehnte, das "zeigte sich in der jugendbewegten Kleidung, in Wortwahl, Geschmack und Stil", erinnert sich seine jüngere Schwester Anneliese. Sie spürte in der Haltung ihres Bruders auch eine "Distanz gegenüber jenen (...), die aus der Umzäunung des Herkömmlichen nicht ausbrechen konnten oder mochten".
 
In der "bündischen Jugend" zählt die Liebe zur Natur und das Erfahren von Körper, Geist und Seele. Man veranstaltet Fahrten nach Italien, Lappland und auf den Balkan und sitzt abends  am Lagerfeuer beisammen und singt Lieder zu Klampfe und Balalaika. "Neue Lebensgestaltung" ist ein Schlagwort; es gelten Werte wie Kameradschaft, Gefolgschaft, Heimatliebe und Vaterland - Werte, die später von den Nationalsozialisten zu ihrem Nutzen missbraucht werden.

Im zweiten Teil des Rückblicks über das Leben Willi Grafs betrachten wir die Auswirkungen, die die nationalsozialistische Herrschaft auf das Leben des jungen Saarbrücker hatte.

Denn die Machtübernahme der Nationalsozialisten hat auch für Willi Graf, der sich der katholischen Jugendorganisation Neu-Deutschland (ND) angeschlossen hat, direkte Folgen: Als eines der wenigen Nicht-HJ-Mitglieder erfährt er Nachteile in Schule und Freizeit, bis die Jugendgruppe schließlich aufgelöst wird.

Nachdem Adolf Hitler Reichskanzler geworden ist und die Kontrolle über das Deutsche Reich mehr und mehr an sich reißt, werden auch Vereine und Jugendorganisationen gleichgeschaltet. Bereits bevor die Mitgliedschaft in der HJ Pflicht ist, werden Kinder und Jugendliche, die sich der Hitlerjugend (noch) nicht angeschlossen haben, benachteiligt: Ein Gestapospitzel wurde in eine ND-Gruppe eingeschleust und HJ-Mitglieder bewarfen ND-Leute mit Steinen. Willi Graf, der selbst Mitglied in der katholischen Jugendvereinigung Neu-Deutschland war, hatte später Schwierigkeiten zum Abitur zugelassen zu werden, weil er die Mitgliedschaft in der Hitlerjugend verweigerte. Im Bund "Neu-Deutschland" gilt die Weisung, sich zwar nicht mit der HJ gleichschalten zu lassen, jedoch auch keine Ansatzpunkte zu bieten, die Anlass geben könnten, Neu-Deutschland zu verbieten.  

Auch von der offiziellen Kirche können die Jugendgruppen nach Hitlers Konkordat mit dem Vatikan nur noch wenig Unterstützung in ihrem Widerstand erwarten. Die nationalsozialistische Ideologie wird mehr und mehr zu einer Ersatzreligion für die Bevölkerung: Neu-Deutschland verliert seine Mitglieder, doch Graf und seine Freunde geben sich weiterhin Halt. Ihr Ziel ist es, passiven Widerstand gegen Verödung und Entmenschlichung zu leisten und wenigstens zu versuchen, den eigenen Weg zu gehen.
Als 1936 auch die Saarbrücker ND-Gruppe "aufgelöst" wird, schließen sich Willi Graf und seine Freunde auf der Suche nach Halt und Orientierung zu einer Untergrundgruppe zusammen, die mittlerweile einen politischen Hintergrund hat. Doch mit dem Kriegsausbruch zerstreut sich auch dieser enge Freundeskreis...

Nach dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs geht auch der letzte Rückhalt seiner Jugend verloren: der Freundeskreis um Willi Graf zerstreut sich. Zum ersten Mal ist er ganz auf sich alleine gestellt, und die Gemeinschaft Gleichgesinnter, an der er sich bisher orientierte, fehlt ihm sehr. Die Briefe an seine Schwestern werden die einzigen Zeugnisse aus jener Zeit sein.

Ab Mai 1941 wird Willi Graf, der nach dem Abitur ein Medizinstudium in Bonn begonnen hatte, jedoch bereits 1939 von der Wehrmacht eingezogen wurde, an der polnischen und russischen Front als Sanitäter eingesetzt. Der 24-Jährige wird Zeuge von Judenverfolgungen und Massenmorden. "Der Krieg gerade hier im Osten führt mich an Dinge, die so schrecklich sind, dass ich sie nie für möglich gehalten hätte. Alles ist mir fremd. Und das alles muss man allein verarbeiten", schreibt er im Februar 1942. "... ich wünschte, ich hätte das nicht sehen müssen, was sich in meiner Umgebung zugetragen hat und mich aufs Tiefste trifft. Doch so etwas darf man sich nicht wünschen, schließlich hat alles Erlebte seinen Sinn."

Seine Entwicklung ist geprägt von innerer Unruhe, Zweifel und der Suche nach dem Sinn - gerade angesichts der Sinnlosigkeit des Krieges. Doch Willi Graf glaubte, "dass man hier auch ins Innere wachsen kann und nicht nur an Tagen, sondern überhaupt älter wird."

Im Sommer 1942 wird er beurlaubt. Wie alle Medizinstudenten darf auch Willi Graf sein Studium während des Krieges fortsetzen. Er kommt nach München, wo er Hans Scholl und dessen Freunde kennen lernt, die seinem Leben eine bedeutende Wendung geben.

Während seines Fronturlaubs in München lernt Willi Graf Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst und Alexander Schmorell kennen. Endlich ist seine Einsamkeit durchbrochen. Die lang vermisste Gemeinschaft gibt ihm den Anstoß vom passiven Widerstand im Denken hin zum aktiven politischen Widerstand im Handeln: Willi Graf schließt sich der "Weißen Rose" an, einer Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus. In Flugblättern tun sie ihre Ablehnung gegen das Regime kund und fordern die "Freiheit der Rede und des Bekenntnisses", die "Errichtung eines föderalen Staates" sowie den "Schutz der Bürger vor der Willkür verbrecherischer Gewalttaten".

Auch am 18. Februar 1943 verteilen Hans und Sophie Scholl ein solches Flugblatt an der Münchener Universität, als sie der Hausmeister entdeckt und die Gestapo alarmiert. Zusammen mit Christoph Probst werden sie noch am selben Tag verhaftet, zum Tode verurteilt und bereits 5 Tage später hingerichtet.

Willi Graf, der ebenfalls festgenommen wurde, leugnet seine "Mittäterschaft" eine Woche lang, dann gibt er die Beteiligung an den Flugblattaktionen zu. Im zweiten Prozess gegen die "Weiße Rose" werden am 19. April auch Willi Graf, Alexander Schmorell und Professor Kurt Huber wegen "Hochverrat, Feindbesetzung und Wehrkraftzersetzung" zum Tode verurteilt.

Da man sich jedoch von Willi Graf weitere Informationen über die katholische Oppositionsbewegung erhofft, verzögert sich die Vollstreckung seines Urteils um Monate. 250 Tage verbringt er im Gefängnis, doch Graf gibt keine Namen preis.

Auch seine Familie in Saarbrücken muss während dieser Zeit Repressalien erleiden. Seine Eltern, seine Schwestern Mathilde und Anneliese (die sich zu dieser Zeit ebenfalls in München aufhält) werden von der Gestapo verhört und einzig der hochschwangeren Mathilde bleibt die Haft erspart. Von ihnen wusste niemand etwas von Willis Widerstandsarbeit.

Am 12. Oktober 1943 wird schließlich das Urteil gegen Graf vollzogen.

Noch immer wird viel getan um das Andenken an Willi Graf, um sein couragiertes Engagement aufrechtzuerhalten. So sind zum Beispiel Schulen oder Straßen nach dem katholischen Widerstandskämpfer benannt.

Auch im Internet gibt es viel über den Gegner des Nazi-Regimes nachzulesen: z.B. auf der Homepage des Ludwiggymnasiums, das Willi Graf selbst auch besucht hat und wo noch Unterlagen über ihn aus seiner Schulzeit vorhanden sind. Auf der Seite der Willi-Graf-Schulen gibt es Informationen über die Schulen und Willi Graf selbst, außerdem einige Links zu Seiten der Weißen Rose und der Willi-Graf-Schule in Euskirchen, Grafs Geburtsstadt, auf der eine sehr ausführliche Biographie sowie weiterführende Artikel und Aufsätze zu finden sind. Unter anderem kann man dort einen Nachruf von 1948 lesen sowie Näheres über Willi Grafs Schwestern erfahren und wie sie mit dem Gedankengut als Erbe ihres Bruders umgehen.

Workcamps auf der Gedenkstätte "Gestapo-Lager Neue Bremm"

Unter dem Motto "Buddeln und Bilden" säubern seit 2004 jedes Jahr Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren sowie zahlreiche erwachsene BegleiterInnen die Gedenkstätte "Gestapo-Lager Neue Bremm", um den Ort würdig und anschaulich zu gestalten. Und dabei erhalten sie einen Eindruck davon, was es hieß, von den Nazis verfolgt zu werden. Mit  Hörspielen, Filmen, Gesprächen und Experten erhalten sie einen anschaulichen Einblick in die Geschichte des Nationalsozialismus im Saarland.

Workcamp "Gestapo-Lager Neue Bremm" 2016

Hyperlinks gegen Rechts: Bund der deutschen PfadfinderInnen

Jugendliche und junge Erwachsene im BDP engagieren sich in vielfältigen Projekten gegen Rechtsextremismus, klären sich und ihre Umwelt auf - und machen auf Gefahren aufmerksam. Für diese Arbeit braucht es Öffentlichkeit und fundierte Informationen. Beides liefert der Bund Deutscher PfadfinderInnen mit seinen veröffentlichten Materialien gegen Rechtsextremismus.

Plakate, Postkarten und Aufkleber im Stil von Warnhinweisen auf Zigarettenpackungen durchbrechen optisch die Normalität und machen so eindringlich auf die Gefahren von RechtsextremistInnen aufmerksam. Ergänzt werden diese Materialien durch ein Bundesinfo zum Thema Rechtsextremismus.

In diesem Heft, das sich sowohl an die BDP-Mitglieder, als auch an die Fachöffentlichkeit wendet, werden die verschiedenen Projekte im BDP, die sich gegen Rechts engagieren, vorgestellt.
Damit lenkt die Kampagne das Augenmerk auf einen Aspekt, der ohnehin ständiger Bestandteil der BDP Arbeit ist: Jugendliche und junge Erwachsene mit fundiertem Wissen zum Einstehen gegen Rechts zu ermutigen. In vielen Projekten, in Zeitzeugenbegegnungen, in Gedenkstättenfahrten, in Vorträgen und Diskussionsrunden werden Jugendliche hautnah über die deutsche Geschichte informiert und über die Gefahren von rechter Ideologie aufgeklärt.

Eines dieser Projekte ist "Hyperlinks gegen Rechts". Im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe treffen sich junge Menschen drei Mal im Jahr an verschiedenen Orten in Deutschland und arbeiten gemeinsam an der Internetseite: Hyperlinks gegen Rechts

Sie recherchieren Themen im Bereich Rechtsradikalismus, besuchen gemeinsam Gedenkstätten und vernetzen sich mit anderen Initiativen. Sie entlarven Nazipropaganda und tragen dazu bei, sich und andere davor zu schützen. Die Ergebnisse ihrer Arbeit veröffentlichen sie auf der Internetseite sowie auf DVD und machen sie damit auch anderen zugänglich.

Die Materialien des BDP können unter bundeszentrale@bdp.org bestellt werden.

Weitere Informationen über den Bund Deutscher PfadfinderInnen finden sich auf deren Internetseite.

Materialien und Links

Hier findet ihr nützliche Links sowie Materialien und Broschüren rund um das Thema zum Download.